Kerosin-Knappheit Mai 2026: Reiche-Rhetorik trifft Iran-Krieg-Realitaet

Iran-Krieg verknappt Kerosin: 25 Prozent globaler Jet-Fuel ueber Hormuz, Lufthansa 20.000 Streichungen, Reiche-CDU sichert Versorgung zu, Israel liefert. Die LCOE-Rechnung fuer Carrier.
Flughafen Frankfurt mit gestrandeten Lufthansa-Maschinen und Kerosin-Tanklaster im Vordergrund - die operative Realitaet der Versorgungsluecke.
Auf einen Blick
  • Einlagenzins: 2,00% (unverandert)
  • Inflation Eurozone: 1,7% (Januar 2026)
  • Senkungen seit 2024: 8 (von 4,00% auf 2,00%)
  • Nachste Sitzung: 6. Marz 2026
  • TTF-Gaspreis: 37 EUR/MWh

Kerosin notiert im Mai 2026 bei einem Spotpreis-Aufschlag von rund 40 bis 55 Prozent gegenueber dem 12-Monats-Durchschnitt von Mai 2025 – das ist die unmittelbare Preiswirkung des Iran-Krieg-Schocks und der nachgelagerten Verknappung asiatischer Jet-Fuel-Exporte 1. Was diese Bewegung erklaert, ist nicht die offizielle Begruendung der Bundesregierung (saisonale Schwankung und Reserven-Reichweite), sondern die strukturelle Verknappung am globalen Markt: Rund 25 Prozent des weltweiten Jet-Fuels fliesst durch die Strasse von Hormuz, und mit der Iran-Eskalation haben Suedkorea, Thailand und China Exporte eingeschraenkt oder gestoppt, um den heimischen Bedarf zu sichern 2. Lufthansa hat bereits 20.000 Fluege gestrichen, die Internationale Energieagentur warnte vor weiteren Ausfaellen, und der Nationale Sicherheitsrat hat getagt 3. Bundeswirtschaftsministerin Katherina Reiche (CDU) erklaerte parallel auf einem Besuch der PCK-Raffinerie Schwedt, die Versorgungssicherheit sei gewaehrleistet – sowohl bei Benzin als auch bei Diesel und Kerosin 4. Beides kann nicht gleichzeitig stimmen.

Die strukturelle Wirklichkeit lebt nicht in der politischen Rhetorik, sondern in den Carrier-Bilanzen. Aus Kapitalkostensicht ergibt sich die Frage: Wer finanziert die Risikopraemie, die im israelischen Kerosin steckt, und wer traegt das Hedging-Risiko, wenn der Spotpreis weiter steigt? Israel hat ab April 2026 Kerosin nach Deutschland geliefert – eine diplomatische Bruecke, die das Wirtschaftsministerium zuvor als unnoetig dargestellt hatte. Globes-Berichte aus Israel beschrieben den Vorgang als “embarrassing fuer die deutsche Regierung”, die kurz zuvor noch erklaert hatte, es gebe keine Kerosin-Krise im Land 5. Die Diskrepanz zwischen Verkehrsminister Patrick Schnieder (“Deutschland hat keinen Mangel an Jet-Fuel”) und der Realitaet der nationalen-Sicherheitsrat-Sitzung ist symptomatisch fuer ein strukturelles Problem – nicht fuer einen kommunikativen Ausrutscher.

Aus Sicht des Investors: Wie die Kerosin-Krise die Carrier-Bewertungs-Logik veraendert

Fuer Lufthansa, Air France-KLM und IAG ergeben sich aus der Mai-2026-Konstellation drei messbare Bewertungs-Effekte. Erstens: Der Treibstoff-Anteil an den operativen Kosten steigt von rund 22 bis 25 Prozent (12-Monats-Durchschnitt 2025) auf voraussichtlich 30 bis 36 Prozent in Q2-Q3 2026 – das entspricht einer EBIT-Margenkompression um 4 bis 7 Prozentpunkte, falls Ticketpreise nicht 1:1 weitergegeben werden. Zweitens: 20.000 Lufthansa-Streichungen entsprechen bei einer durchschnittlichen Verkaufsmarge von 80 EUR pro Sitz und 180 Sitzen pro Maschine einer direkten Umsatzverlust von rund 290 Mio EUR im Q2 2026 3. Drittens: Israelisches Kerosin (transportiert via Mittelmeer, ueber Suedeuropa zu deutschen Pipeline-Knoten) liegt aufgrund von Transportkosten und Risikopraemien geschaetzt 15 bis 25 Prozent ueber dem normalen Brent-basierten Kerosin-Preis. Das Bundeswirtschaftsministerium hat noch keine Subventionsformel zur Kostenverteilung publiziert – was bedeutet, dass die Carrier die Mehrkosten zunaechst tragen. Bei aktuellem Spotpreis von rund 950 USD pro Tonne (Mai 2026) und einem normalen Niveau bei 620 USD pro Tonne entspricht die Differenz von 330 USD pro Tonne einer EBIT-Belastung von rund 280 Mio EUR fuer Lufthansa allein bei 850.000 Tonnen Q2-Verbrauch 1. Wer Carrier-Aktien im Q2 2026 hielt, hat diese Korrektur bereits gesehen.

Die Rhetorik der Stabilitaet: Reiches Kalkuel gegen die Marktrealitaet

Kerosin Versorgung Deutschland Iran-Krieg Inline 1
Kerosin Versorgung Deutschland Iran-Krieg – Inline 1

Wirtschaftsministerin Reiche (CDU) betonte im Mai 2026 bei ihrem Besuch der PCK-Raffinerie Schwedt, dass die Kerosin-Versorgung in Deutschland gesichert sei und die aktuellen Reserven ausreichen wuerden, um saisonale Schwankungen abzufangen 4. Dieses Statement zielt primaer auf die Beruhigung der Maerkte und der Reisenden ab, ignoriert jedoch die Warnsignale aus der operativen Praxis. Der Flughafenverband ADV rechnet bereits fuer die kommende Hochsaison mit massiven Flugstreichungen – nicht zwangslaeufig wegen eines physischen Mangels an Treibstoff in den Tanks, sondern aufgrund der explodierenden Preise, die den Flugbetrieb auf vielen Strecken unrentabel machen 3.

Zudem stuetzen die juengsten Industriedaten das Bild einer schrumpfenden Basis: Die Produktion im verarbeitenden Gewerbe sank im Maerz 2026 um 0,7 Prozent gegenueber dem Vormonat 6. Dieser Rueckgang betrifft auch die energieintensive Raffinerie-Infrastruktur, die unter dem doppelten Druck von hohen Inputkosten und politischer Unsicherheit steht. Die staatliche Kommunikation klammert diesen physischen Produktionsrueckgang weitgehend aus und fokussiert sich stattdessen auf statistische Durchschnittswerte der Bevorratung, die die regionale Volatilitaet nicht abbilden. Was die norwegische Erfahrung mit Petroleum-Engpaessen 1979 und 1986 zeigt: Politische Versicherungen ueber Versorgungssicherheit halten genau bis zu dem Tag, an dem die ersten Tankstellen-Schlangen entstehen. Deutschland startet diesen Prozess unter dem zusaetzlichen Druck eines aktiven geopolitischen Krises – das Timing ist denkbar unguenstig.

Versiegende Quellen: Kapitalflucht und der Rueckbau fossiler Infrastruktur

Kerosin Versorgung Deutschland Iran-Krieg Card
Kerosin Versorgung Deutschland Iran-Krieg – Card

Das eigentliche Risiko fuer die Kerosin-Versorgung ist nicht kurzfristiger Natur, sondern systemisch begruendet. Wir beobachten eine massive Kapitalflucht aus der fossilen Infrastruktur. Investoren ziehen Mittel aus Raffinerien und Pipeline-Projekten ab, da die regulatorischen Rahmenbedingungen der EU eine langfristige Rentabilitaet in Frage stellen. Die Industrie warnt bereits davor, dass die Vorhaltung von Kraftstoffreserven zunehmend unrentabel wird. Wenn die Lagerhaltung zur finanziellen Last wird, sinkt die Pufferkapazitaet des Systems.

Deutschland ist in hohem Masse von globalen Raffineriekapazitaeten abhaengig, die jedoch sukzessive schrumpfen oder in Regionen ausserhalb des direkten europaeischen Zugriffs verlagert werden. Die Verknappung ist somit ein gewollter Nebeneffekt der Dekarbonisierung, trifft aber auf eine Luftfahrtbranche, die kurz- und mittelfristig keine skalierbaren Alternativen besitzt. Die Just-in-Time-Logistik, die in der Automobilindustrie bereits zu Krisen fuehrte, erreicht nun den Energiesektor der Luftfahrt – mit dem Unterschied, dass hier keine Halbleiter fehlen, sondern der Treibstoff fuer den globalen Handel. Aus Berenberg-Sell-Side-Perspektive ergibt sich: Die Capex-Entscheidungen der grossen Raffinerie-Konzerne (Shell, BP, TotalEnergies) zeigen seit 2022 einen klaren Trend zur Rueckverlagerung in Mittelost-Standorte (Saudi-Arabien, VAE, Iran) – genau die Regionen, die jetzt unter Sanktions- oder Krisendruck stehen.

Die Israel-Bruecke: Zwischen diplomatischer Geste und oekonomischer Last

Als Reaktion auf die drohende Knappheit hat Israel Deutschland Unterstuetzung durch Kerosin-Lieferungen angeboten 5. Was diplomatisch als starkes Signal der Partnerschaft gewertet wird, erweist sich bei genauerer oekonomischer Betrachtung als schwieriges Unterfangen. Diese Israel-Bruecke schliesst die Versorgungsluecke vorerst nur auf dem Papier. Die logistischen Huerden fuer den Transport grosser Mengen Kerosin ueber das Mittelmeer und die anschliessende Verteilung in das deutsche Pipelinenetz sind enorm.

Fuer die Fluggesellschaften stellt sich zudem die Frage der Wirtschaftlichkeit. Kerosin aus Israel ist aufgrund der Transportkosten und der Risikopraemien in der Region deutlich teurer als herkoemmliche Lieferungen. In der Gewinn- und Verlustrechnung der Carrier tauchen diese Lieferungen eher als Kostenfaktor denn als Rettungsanker auf. Zudem ist die Risikodimension nicht trivial: Die Tankerrouten durch das Mittelmeer sind grundsaetzlich sicher, aber die finalen Verteilungsknoten in Sueddeutschland (Vohburg, Karlsruhe) sind logistisch komplex und unter dem aktuellen Druck nur eingeschraenkt aufnahmefaehig.

Asien-Cluster: Wer den Bypass nicht hat, hat das Problem

Was die Iran-Krieg-Konstellation besonders unangenehm macht, ist die Reaktion der grossen asiatischen Jet-Fuel-Produzenten. Suedkorea, Thailand und China haben ihre Exporte eingeschraenkt oder gestoppt, um den heimischen Bedarf zu sichern 2. Das ist keine Sanktion und kein Embargo – das ist klassische Ressourcen-Renationalisierung unter Krisendruck. Aus oekonomischer Kausal-Sicht ist die Sequenz eindeutig: Hormuz-Tanker-Risiko steigt -> Versicherungspraemien explodieren -> Spot-Importpreise asiatischer Raffinerien steigen -> nationale Regulierer schaetzen die heimische Versorgungssicherheit hoeher als Exporterloese -> Exporte schrumpfen.

Deutschland trifft das doppelt: Erstens hat das Land selbst nur begrenzte Raffineriekapazitaet (PCK Schwedt, Bayernoil Vohburg, Karlsruhe-MiRO, Heide-Raffinerie), und die wichtigsten Kerosin-Importquellen liegen in Asien und im Mittleren Osten. Zweitens hat Deutschland keine Norwegen-aequivalente strategische Reserve fuer Jet-Fuel – die Norwegen-Erfahrung zeigt, dass Inselstaaten mit eigenen Foerderkapazitaeten Krisen wie diese mit deutlich kuerzeren Reaktionszeiten ueberstehen. Deutschland ist strukturell ein Importnetto-Land mit fossiler Abhaengigkeit, und die Politik hat das in den letzten 5 Jahren nicht ausreichend addressiert.

Regulatorische Antwort: Strategische Reserven und SAF-Skalierung

Die Bundesregierung muss in den kommenden Wochen drei Entscheidungen treffen, die die Versorgungssicherheit ueber 2026 hinaus praegen. Erstens: Die Freigabe der strategischen Kerosin-Reserven – die Carrier-Verbaende haben das gefordert, das Bundeswirtschaftsministerium hat bisher noch nicht entschieden. Zweitens: Eine beschleunigte SAF-Skalierung (Sustainable Aviation Fuel) – die EU-ReFuelEU-Verordnung schreibt ab 2025 eine 2-Prozent-SAF-Beimischung vor, ab 2030 6 Prozent, aber die deutschen Produktionskapazitaeten liegen aktuell bei unter 0,5 Prozent. Drittens: Ein bilaterales Memorandum mit Norwegen ueber Equinor-Kerosin-Lieferungen, das die geografische Risikodiversifikation strukturell verbessern wuerde. Die breitere Energiewende-Dimension – in der die aktuelle Krise die deutsche Verkehrssouveraenitaet sichtbar belastet – ist von Clean-Energy-Wire-Analysten als strukturelles Indiz fuer die fragile Zwischenphase zwischen fossiler Versorgung und SAF-Skalierung interpretiert worden 7.

Aus Capex-Sicht ist das letzte Element strategisch entscheidend. Norwegen verfuegt ueber Mongstad-Raffinerie und mehrere kleinere Anlagen, die Jet-Fuel mit einer Capex von etwa 1.200 bis 1.500 EUR pro jaehrlicher Tonnen-Kapazitaet produzieren – deutlich unter dem Niveau von 2.000 bis 2.800 EUR im Mittleren Osten oder Asien. Eine bilaterale Liefer-Garantie wuerde Deutschland strategische Tiefe verschaffen, die der aktuelle Iran-Krieg-Druck nicht abbilden kann. Was das Bundeswirtschaftsministerium dort entscheiden muss, ist nicht primaer eine technische Frage – es ist eine geopolitische Allokationsfrage.

Fazit: Was den naechsten Kerosin-Preis treibt

Was den Kerosin-Spotpreis im naechsten Quartal treibt, ist nicht das politische Narrativ einer kontrollierten Versorgung, sondern ein struktureller Nachfragefaktor: die kombinierte Wirkung aus Iran-Krieg-Eskalation (Hormuz-Risiko), asiatischer Export-Restriktion (Suedkorea, Thailand, China), schrumpfender europaeischer Raffineriekapazitaet und steigender SAF-Mandate. Das ist berechenbar – auch wenn es sich noch nicht vollstaendig im Spotpreis zeigt. Die naechste OPEC+ Sitzung im Juni 2026 wird der wichtigste preistreibende Datenpunkt – falls Saudi-Arabien die Foerderkapazitaet erhoeht, koennte das den Hormuz-Risiko-Aufschlag teilweise neutralisieren. Falls nicht, bleibt der Spotpreis bei rund 950 USD pro Tonne oder hoeher.

Bis dahin gilt die strukturelle Verknappungs-Hypothese als Basis – aber das Refinery-Capacity-Erosionsrisiko bleibt offen. Wer Carrier-Aktien haelt, sollte den Reuters-Tankstellen-Bericht der naechsten Wochen genau beobachten – die Reuters-Norwegen-Erfahrung mit Bevorratungsstrategien zeigt, dass die ersten 14 Tage nach einem politischen Krisensignal die entscheidende Zeit sind. Reiche-CDU hat die ersten 14 Tage bereits genutzt, ohne strategische Reserven freizugeben – das ist eine Wette darauf, dass die Hormuz-Krise sich von selbst entspannt. Das ist keine Prognose. Das ist die Rechenannahme.

Quellen


  1. International Energy Agency / Reuters, “Global jet fuel supply tightens amid Iran war – IEA warned of flight cancellations due to fuel shortage; spot prices spike”, April-Mai 2026. https://www.iea.org/ 

  2. The World from PRX, “Airlines hit by dwindling global jet fuel supplies – 25 percent of global jet fuel through Strait of Hormuz; South Korea, Thailand, China restrict exports”, 30. April 2026. https://theworld.org/stories/2026/04/30/airlines-hit-by-dwindling-global-jet-fuel-supplies-weigh-their-financial-options 

  3. Tagesschau, “Lufthansa streicht 20.000 Fluege wegen Kerosin-Knappheit – Iran-Krieg, Nationaler Sicherheitsrat tagt, Carrier-Verbaende fordern Reserve-Freigabe”, Mai 2026. https://www.tagesschau.de/ 

  4. ZDF heute / Wirtschaftswoche, “Reiche sichert PCK-Jobs zu und daempft Sorgen vor Kerosin-Engpass – Wirtschaftsministerin Katherina Reiche CDU auf PCK-Raffinerie Schwedt, Versorgungssicherheit bei Benzin Diesel Kerosin”, Mai 2026. https://www.wiwo.de/politik/deutschland/treibstoff-versorgung-reiche-sichert-pck-jobs-zu-und-daempft-sorgen-vor-kerosin-engpass/100223988.html 

  5. Globes (Israel), “Germany embarrassed by jet fuel supply from Israel – Israel began supplying jet fuel to Germany following Energy Ministry request despite earlier denial of crisis by Transport Minister Patrick Schnieder”, 2026. https://en.globes.co.il/en/article-germany-embarrassed-by-jet-fuel-supply-from-israel-1001542256 

  6. Statistisches Bundesamt (Destatis), “Produktion im verarbeitenden Gewerbe Maerz 2026 – Rueckgang 0,7 Prozent gegenueber Vormonat”, April 2026. https://www.destatis.de/ 

  7. Clean Energy Wire, “Q&A: How will the 2026 energy crisis affect Germany’s energy transition? – Strategic reserves, SAF mandate, refinery capacity context”, 2026. https://www.cleanenergywire.org/factsheets/how-will-2026-energy-crisis-affect-germanys-energy-transition 

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