Irgendwann im Fruehjahr 2026 wurde in den Korridoren der WHO-Zentrale in Genf eine Entscheidung getroffen, die ueber das Protokollarische weit hinausgeht: Brasiliens Praesident Luiz Inacio Lula da Silva und WHO-Generaldirektor Tedros Adhanom Ghebreyesus unterzeichneten gemeinsam einen offenen Brief an alle 194 WHO-Mitgliedstaaten. Es ist das erste Mal in der Geschichte des laufenden Pandemieabkommens-Prozesses, dass ein amtierender Staatschef und der Generaldirektor der Weltgesundheitsorganisation gemeinsam als Co-Autoren auftreten 1.
Das bedeutet konkret:
Wer in einem WHO-Mitgliedstaat lebt, sollte den Brief nicht als Garantie fuer kuenftigen Impfstoffzugang lesen, sondern als Gradmesser dafuer, wie blockiert die Verhandlungen tatsaechlich sind. Ein gemeinsamer Appell zweier Spitzenakteure ist in der diplomatischen Grammatik kein Erfolgssignal, sondern ein Eingestaendnis: Die technische Ebene hat versagt, also muss die politische uebernehmen. Fuer die Juli-Runde heisst das, dass nicht der Wortlaut des Vertragsentwurfs ueber Zugang zu kuenftigen Pandemie-Gegenmassnahmen entscheidet, sondern ob die drei Hauptblockierer bilateral nachgeben – eine Variable, die kein Brief erzwingen kann.
Der Zeitpunkt ist kein Zufall. Die 79. Weltgesundheitsversammlung (WHA79) hatte im Mai 2026 den PABS-Annex – den Kern des Streits um den Zugang zu Pathogenen und die gerechte Verteilung von Gegenmassnahmen – erneut ungeloest gelassen 2. Technische Verhandlungsrunden, Expertengremien, informelle Konsultationen: All das hat die fundamentale Nord-Sued-Blockade nicht aufgebrochen. Der Brief ist die bewusste Eskalation auf eine politische Ebene, die bisher unbesetzt geblieben war.
Die entscheidende Frage, die dieser Artikel stellt, ist nicht, ob der Brief gut gemeint ist. Sie lautet: Veraendert er die politische Arithmetik fuer die Juli-Runde – oder ist er performatives Signalling vor einer weiteren Verschiebung?
Lulas Doppelrolle: BRICS-Anker, G20-Erbe und Stimme des Globalen Suedens

Das letzte Mal, dass ein Land des Globalen Suedens die WHO-Architektur durch den Entzug biologischen Materials erschuetterte, war 2007, als Indonesien die Weitergabe von H5N1-Proben aussetzte und damit ein Prinzip etablierte, das den heutigen PABS-Streit ueberhaupt erst denkbar machte. In dieser Traditionslinie ist Brasilien kein zufaelliger Co-Autor. Lula verkoerpert eine geopolitische Konstellation, die im PABS-Kontext strategisch wertvoll ist: Als BRICS-Mitglied hat Brasilien Zugang zu den grossen Schwellenlaendern, die den Globalen Sueden in Verhandlungen oft anfuehren. Als Gastgeber der G20-Praesidentschaft 2024 hat Lula Kapital als Brueckenbauer zwischen westlichen Institutionen und dem Globalen Sueden aufgebaut 3. Und als lateinamerikanischer Staatschef mit einer dezidiert multilateralen Aussenpolitik geniesst er in Genf eine Glaubwuerdigkeit, die etwa China oder Indien in diesem spezifischen Kontext nicht haetten.
Doch hier liegt auch eine strukturelle Asymmetrie, die nicht verschwiegen werden darf: Brasilien traegt bei PABS kein Produktionsrisiko. Das Land ist kein grosser Impfstoffhersteller im globalen Massstab – jedenfalls nicht in dem Sinne, dass es bei einem verbindlichen PABS-Mechanismus eigene Produktionskapazitaeten und Lieferverpflichtungen riskieren wuerde. Diese Asymmetrie unterscheidet Lulas Engagement fundamental von dem eines Landes wie Indien oder Suedafrika, das eigene Produktionsinteressen in die Waagschale wirft 4.
Ob diese Asymmetrie Lulas Glaubwuerdigkeit staerkt oder untergraebt, ist eine offene Frage. Optimisten argumentieren: Gerade weil Brasilien kein direktes Produktionsinteresse hat, koennte Lula als ehrlicher Makler auftreten. Skeptiker entgegnen: Ein Verhandlungsfuehrer ohne eigenen Einsatz wuerde von den eigentlichen Konfliktparteien nicht als vollwertige Stimme akzeptiert. Es ist die klassische Spannung zwischen der Autoritaet des Unbeteiligten und der Ohnmacht dessen, der nichts in die Waagschale zu werfen hat.
Die drei Kernstreitpunkte: Was bis zum 17. Juli geloest werden muss

Der PABS-Annex ist kein monolithisches Dokument. Er enthaelt mindestens drei Konfliktknoten, die bis zur Juli-Runde aufgeloest werden muessten, damit ein Durchbruch moeglich ist.
Benefit-Definition: Wer gilt als anspruchsberechtigt, und welche Leistungen sind verbindlich? Der Globale Sueden fordert, dass alle Laender, die Pathogenproben teilen, automatisch Anspruch auf Gegenmassnahmen – Impfstoffe, Therapeutika, Diagnostika – erhalten. Industrielaender und Pharmaunternehmen bestehen auf Flexibilitaet und marktbasierten Mechanismen. Die Luecke zwischen diesen Positionen ist nicht technischer, sondern politischer Natur 2.
Governance-Architektur: Wer kontrolliert den PABS-Mechanismus? Das WHO-Sekretariat, die Mitgliedstaaten in einem Exekutivgremium oder ein hybrides Modell mit Industriebeteiligung? Diese Frage beruehrt direkt die Souveraenitaetsaengste jener Laender, die befuerchten, dass ein starkes WHO-Sekretariat nationale Entscheidungsspielraeume einschraenkt 1.
Operative Eigenkapitalgarantien: Wie werden Vorabzahlungen und Lieferverpflichtungen abgesichert? Ohne glaubwuerdige finanzielle Garantien – etwa durch einen dedizierten Fonds oder Kreditlinien – bleibt jede Benefit-Sharing-Verpflichtung ein Papiertiger. Genau hier scheiterten fruehere Verhandlungsrunden an der Weigerung von Geberlaendern, konkrete Zahlen zu nennen.
Besondere Aufmerksamkeit verdient Artikel 22 Absatz 2 des Vertragsentwurfs, der eine explizite Souveraenitaetsklausel enthaelt. Diese Klausel ist kein redaktioneller Zufall: Sie reagiert auf konkrete Blockadepositionen, die mutmasslich von den USA, Russland und einzelnen nationalistischen G20-Mitgliedern eingebracht wurden 3. Die Klausel soll sicherstellen, dass kein Staat durch den PABS-Mechanismus zur Weitergabe von Pathogenmaterial oder zur Offenlegung nationaler Biosicherheitskapazitaeten gezwungen werden kann. Ob sie die Blockierer besaenftigt oder ihnen ein dauerhaftes Veto-Instrument in die Hand gibt, ist die eigentliche Frage – denn eine Klausel, die Zwang ausschliesst, kann auch jede verbindliche Verpflichtung aushoehlen.
Afrika ist nicht eine Stimme: DRC, Nigeria, Suedafrika und die Spaltung der Probenherkunftslaender
Eine der hartnaeckigsten Vereinfachungen in der PABS-Berichterstattung ist die Rede von ,,Afrika” als einheitlichem Verhandlungsblock. Die Realitaet ist komplexer und fuer das Verhandlungsergebnis entscheidend 4.
Die Demokratische Republik Kongo und andere Probenherkunftslaender – Staaten, auf deren Territorium Pathogene zuerst identifiziert werden – stellen die Souveraenitaet ueber biologisches Material in den Mittelpunkt. Fuer sie ist PABS primaer eine Frage der Kontrolle: Wer entscheidet, ob und zu welchen Bedingungen Proben geteilt werden? Diese Position ist direkt von der Nagoya-Protokoll-Logik inspiriert, die fuer genetische Ressourcen gilt.
Nigeria und aehnlich positionierte Zugangslaender haben eine andere Prioritaet: Sie wollen garantierten Zugang zu Gegenmassnahmen im Pandemiefall – unabhaengig davon, ob die Pathogene auf ihrem Territorium identifiziert wurden. Fuer Nigeria ist PABS primaer eine Versicherungspolice, keine Eigentumsrechtsfrage.
Suedafrika wiederum hat als aufstrebende Produktionsnation – mit dem mRNA-Hub in Kapstadt als Flaggschiff – eigene Interessen an Technologietransfer und Lizenzrechten. Pretoria will nicht nur Zugang zu fertigen Produkten, sondern zur Produktionstechnologie selbst 4. Diese Position ist naeher an der indischen als an der kongolesischen.
Wie adressiert der Lula-Brief diese Spaltung? Die ehrliche Antwort lautet: unzureichend. Ein Brief, der an alle Mitgliedstaaten gerichtet ist, kann keine differenzierten Angebote an unterschiedliche afrikanische Interessengruppen machen. Er appelliert an Solidaritaet – aber Solidaritaet ist kein Substitut fuer konkrete Verhandlungspositionen. Drei Staaten, drei Logiken: Kontrolle, Versicherung, Technologie. Wer alle drei zugleich adressieren will, ohne eine von ihnen zu enttaeuschen, betreibt diplomatische Quadratur des Kreises.
Pathogen-Souveraenitaet als Rohstoff-Souveraenitaet: Die strukturelle Parallele
Wer den PABS-Konflikt verstehen will, sollte ihn nicht als isoliertes Gesundheitsthema lesen. Er folgt einer Logik, die aus der Ressourcensouveraenitaetsdebatte vertraut ist 3.
Pathogene sind biologische Ressourcen. Ihre Kontrolle erzeugt Verhandlungsmacht – analog zu Lithium in Bolivien und Chile, Kobalt in der DRC oder Niob in Brasilien. Wer die Probe hat, hat den Schluessel zur Impfstoffentwicklung. Wer den Schluessel hat, kann Bedingungen stellen. Diese Logik ist nicht neu: Sie liegt dem Nagoya-Protokoll zugrunde, sie treibt die Debatten ueber ,,biologische Piraterie” an, und sie erklaert, warum Laender wie Indonesien bereits 2007 mit dem Virus-Sharing-Boykott Druck auf die WHO ausgeuebt haben.
Lulas Doppelrolle ist in diesem Kontext besonders aufschlussreich. Brasilien ist Weltmarktfuehrer bei Niob – einem Metall, das fuer Stahllegierungen und Supraleiter unverzichtbar ist und dessen Vorkommen zu ueber 90 Prozent auf brasilianischem Territorium liegen 3. Die Souveraenitaetslogik, die Brasilia bei Niob anwendet, ist strukturell identisch mit der, die Lula bei PABS einfordert: Wer die Ressource hat, soll die Bedingungen ihrer Nutzung mitbestimmen.
Hier greift jedoch der Einwand der Asymmetrie: Brasilien traegt bei PABS kein Produktionsrisiko. Bei Niob ist Brasilien Produzent und Souveraen zugleich. Bei PABS ist Brasilien weder primaeres Probenherkunftsland noch Impfstoffhersteller. Die Parallele ist strukturell erhellend, aber asymmetrisch: Lula spricht fuer eine Souveraenitaetslogik, die anderen Laendern nuetzt – nicht primaer Brasilien selbst. Das kann Staerke sein, im Sinne einer Glaubwuerdigkeit als uneigennuetziger Anwalt, oder Schwaeche, im Sinne fehlender eigener Verhandlungsmasse.
Die Implikation fuer die Juli-Runde ist klar: Wer PABS als rein technisches Problem behandelt, wird scheitern. Der Konflikt ist ein Ressourcensouveraenitaetskonflikt – und solche Konflikte loesen sich nicht durch bessere Vertragstexte, sondern durch politische Deals.
Sanktionsgeographie als Stoervariable: Indien, Russland und die geopolitische Interferenz
Die Juli-Runde findet nicht im geopolitischen Vakuum statt. Zwei externe Spannungsfelder koennten die Verhandlungen zusaetzlich belasten 3.
Indien steht unter wachsendem EU-Sanktionsdruck wegen des Vorwurfs, russische Sanktionsumgehung zu ermoeglichen – durch Oelimporte, Re-Exporte und Finanzdienstleistungen. Neu Delhi befindet sich in einer defensiven geopolitischen Position, in der jede multilaterale Verpflichtung innenpolitisch als Konzession an westlichen Druck interpretiert werden kann. Das macht Indien zu einem schwierigen Verhandlungspartner bei PABS: Ein Kompromiss, der als westlich diktiert wahrgenommen wuerde, waere fuer die Modi-Regierung innenpolitisch toxisch.
Russland hat ein strukturelles Interesse an einem schwachen oder verzoegerten PABS-Mechanismus. Ein funktionierender globaler Pandemie-Fruehwarnmechanismus mit verbindlichem Datenaustausch wuerde russische Biosicherheitskapazitaeten transparenter machen – etwas, das Moskau seit Jahren zu vermeiden sucht. Russland ist kein aktiver Verhandlungsfuehrer in Genf, aber ein effektiver Bremser.
In diesem Dreieck aus Brasilien als Vermittler, Indien als unter Druck stehendem Schluesselakteur und Russland als stillem Bremser liegt die eigentliche Arithmetik der Juli-Runde. Die gefaehrlichste Dynamik ist die moegliche Kopplung: Laender, die in anderen geopolitischen Konflikten unter Druck stehen, koennten PABS als Verhandlungsmasse nutzen – Konzessionen in Genf gegen Entlastung anderswo. Ob der Lula-Brief diese Interferenz neutralisieren koennte, ist fraglich. Er appelliert an gesundheitspolitische Solidaritaet – aber Laender, die sich in einem Sanktionskonflikt befinden, denken nicht primaer in Kategorien der Gesundheitspolitik. Es ist das Go-Spiel-Prinzip: Wer Praesenz auf mehreren Brettern zugleich aufbaut, verschiebt das Gleichgewicht nicht durch direkten Angriff, sondern durch die Drohung, einen Stein an anderer Stelle zu setzen.
Fazit: Historischer Appell oder Vorbote der naechsten Verschiebung?
Der Lula-Tedros-Brief kann zwei Dinge leisten: Er setzt ein politisches Signal, das technischen Verhandlungsfuehrern in Genf Rueckendeckung fuer Kompromisse gibt. Und er legitimiert eine Einigung, die ohne hochrangige politische Absicherung innenpolitisch schwer zu verkaufen waere.
Was er nicht kann: strukturelle Interessenkonflikte aufloesen. Die Benefit-Definition, die Governance-Architektur und die Eigenkapitalgarantien sind keine Missverstaendnisse, die ein Brief klaeren koennte. Sie sind Ausdruck realer Verteilungskonflikte zwischen Laendern mit fundamental unterschiedlichen Interessen.
Fuer die Juli-Runde sind drei Szenarien denkbar. Szenario eins: Ein echter Durchbruch, bei dem alle drei Kernstreitpunkte in einem Paketdeal geloest werden – moeglich, aber unwahrscheinlich ohne vorherige bilaterale Deals zwischen den Hauptblockierern. Szenario zwei: Eine Teileinigung, bei der Benefit-Definition und Governance-Architektur grob geregelt werden, die Eigenkapitalgarantien aber in einen separaten Annex vertagt werden – das wahrscheinlichste Ergebnis. Szenario drei: Erneute Verschiebung, diesmal mit dem Gesichtsverlust, dass selbst ein historischer Appell zweier Weltfuehrer nicht ausgereicht hat.
Welches Szenario eintritt, haengt von Variablen ab, die zum Redaktionsschluss dieses Artikels (6. Juni 2026) noch offen sind: ob Indien seine Verhandlungsposition entspannte, ob die USA nach dem Souveraenitaetsklausel-Zugestaendnis konstruktiv wuerden, und ob Suedafrika als Produktionsnation eine Brueckenposition zwischen DRC und Nigeria einnehmen koennte.
Hier die These, die sich aus der Analyse ergibt: Der Brief ist kein Instrument der Konfliktloesung, sondern ein Instrument der Legitimation. Wenn die bilateralen Deals zwischen den Blockierern zustande kommen, liefert er die politische Verpackung, in der ein ohnehin verhandelter Kompromiss als historischer Erfolg praesentiert werden kann. Kommen sie nicht zustande, bleibt er ein Dokument der Ohnmacht – der Beweis, dass selbst die hoechste politische Ebene an einer Ressourcensouveraenitaetslogik scheitert, die sich nicht durch Appelle, sondern nur durch konkrete Verteilung von Macht und Material aufloesen laesst. Das Fruehjahr 2026 hat den Brief geschrieben. Der Juli entscheidet, ob es ein Vorwort oder ein Nachruf war.
Quellen
- 1 WHO Pandemic Agreement Overview [https://www.who.int/news-room/questions-and-answers/item/pandemic-prevention–preparedness-and-response-accord]
- 2 WHO WHA79 PABS Extension [https://www.who.int/news/item/28-03-2026-who-member-states-agree-to-extend-pandemic-accord-negotiations]
- 3 WHO INB Pandemic Accord [https://www.who.int/groups/intergovernmental-negotiating-body]
- 4 AU Pandemic Preparedness [https://au.int/en/pressreleases/20240601/african-union-pandemic-preparedness]
- 5 Health Policy Watch: PABS Annex Negotiations Delayed, Signs of Progress [https://healthpolicy-watch.news/despite-delays-negotiations-over-critical-pabs-annex-to-who-pandemic-treaty-reveal-signs-of-progress-heres-why/]




