Öl-Nachfrage: IEA korrigiert Prognose nach oben — zum vierten Mal

Die IEA hat ihre globale Ölnachfrage-Prognose für 2024 zum vierten Mal nach oben korrigiert — Indien überholt China als Wachstumsmotor, Petrochemie und Luftfahrt verhindern den Peak.
Offshore-Ölplattform im Südchinesischen Meer als Symbol der globalen IEA Öl-Nachfrage
Auf einen Blick
  • Einlagenzins: 2,00% (unverandert)
  • Inflation Eurozone: 1,7% (Januar 2026)
  • Senkungen seit 2024: 8 (von 4,00% auf 2,00%)
  • Nachste Sitzung: 6. Marz 2026
  • TTF-Gaspreis: 37 EUR/MWh

103,9 Millionen Barrel pro Tag — das ist die aktuelle IEA-Schätzung für die globale Ölnachfrage 2025, nach der jüngsten Aufwärtskorrektur im Dezember-Bericht 1. Das Wachstum beschleunigt sich von 840.000 Barrel pro Tag in 2024 auf voraussichtlich 1,1 Millionen Barrel in 2025. Wer jetzt noch auf Peak Oil innerhalb dieses Jahrzehnts wettet, wettet gegen die Daten.

Das Narrativ in den Finanzmärkten ist bekannt: Die Energiewende beschleunigt sich, Elektrofahrzeuge verdrängen Verbrenner, und der fossile Sektor schrumpft. Die Daten erzählen eine andere Geschichte. Die IEA — nicht gerade als Apologet der Ölindustrie bekannt — hat ihre Nachfrageprognose für 2024 insgesamt viermal nach oben revidiert, zuletzt im Dezember 2024 um 0,26 Millionen Barrel pro Tag für das vierte Quartal allein 2. Die Nachfrage wuchs 2024 um geschätzte 840.000 Barrel pro Tag — und für 2025 erwartet die IEA eine Beschleunigung auf 1,1 Millionen Barrel 1.

Die Frage, die sich Investoren stellen sollten, ist nicht ob die Nachfrage steigt, sondern woher das Wachstum kommt — und was das für die Sektorbewertung bedeutet.

Indien überholt China: Der neue Wachstumsmotor

Offshore-Ölplattform im Südchinesischen Meer als Symbol der globalen IEA Öl-Nach

Die geographische Verschiebung der Ölnachfrage ist der eigentliche Strukturbruch. Indien hat China 2024 erstmals als größter Treiber des globalen Ölverbrauchswachstums abgelöst — ein Ereignis, das die EIA bereits im November 2024 als systemisch einordnete 3.

Die Zahlen sind eindeutig: Indiens Ölnachfrage stieg 2024 um rund 200.000 Barrel pro Tag, für 2025 erwartet die IEA 230.000 Barrel Zuwachs 3. Bis 2030 soll Indiens Bedarf um eine volle Million Barrel pro Tag wachsen — mehr als jedes andere Land weltweit 4. Die Treiber sind strukturell, nicht zyklisch: BIP-Wachstum von über 6 Prozent, rasante Urbanisierung, eine expandierende Mittelschicht von über 400 Millionen Menschen und — entscheidend — eine Motorisierungsrate, die noch weit unter chinesischem Niveau liegt.

Im Vergleich zu 2019 hat sich Indiens Ölverbrauch von 5,0 auf 5,6 Millionen Barrel pro Tag erhöht — ein Anstieg von 12 Prozent in fünf Jahren 4. Die Zusammensetzung der Nachfrage unterscheidet sich fundamental von China: Während Pekings Benzin- und Dieselverbrauch durch Elektrofahrzeuge und LNG-Trucks bereits rückläufig ist, steigt Indiens Transportkraftstoffbedarf auf breiter Front. Elektrofahrzeuge machen in Indien weniger als 3 Prozent der Neuwagenverkäufe aus — verglichen mit über 40 Prozent in China.

Petrochemie und Luftfahrt: Die unsichtbaren Nachfragetreiber

Offshore-Ölplattform im Südchinesischen Meer als Symbol der globalen IEA Öl-Nach

Was nach viel klingt, relativiert sich bei einem Blick auf die sektorale Zusammensetzung. Rund die Hälfte des globalen Ölnachfragewachstums entfällt nicht auf Transport, sondern auf zwei Sektoren, die in der Peak-Oil-Debatte systematisch unterschätzt werden: Petrochemie und Luftfahrt.

Die petrochemische Industrie verbraucht bereits heute über 14 Millionen Barrel Rohöl pro Tag als Einsatzstoff — für Kunststoffe, Düngemittel, Pharmazeutika, synthetische Fasern und Baumaterialien 5. Die IEA prognostiziert, dass dieser Sektor bis 2030 der größte Einzeltreiber der Ölnachfrage sein wird, noch vor dem Straßenverkehr. Asiens petrochemische Kapazitäten — insbesondere in China, Indien und Saudi-Arabien — wachsen zweistellig.

Die Luftfahrt zeigt ein ähnliches Bild. Der globale Flugverkehr hat das Vor-Corona-Niveau 2024 um über 5 Prozent überschritten, und Kerosin bleibt auf Jahrzehnte ohne elektrische Alternative. Sustainable Aviation Fuels (SAF) decken aktuell weniger als 0,5 Prozent des Bedarfs und werden selbst im optimistischsten IEA-Szenario bis 2030 nicht über 5 Prozent hinausgehen 5.

Für die Peak-Oil-These bedeutet das: Selbst wenn der Benzinverbrauch in den OECD-Staaten sinkt — was er tut, um etwa 300.000 Barrel pro Tag jährlich —, wird dieser Rückgang durch Petrochemie, Luftfahrt und die Motorisierung des Globalen Südens mehr als kompensiert.

Die IEA-Szenarien: Wann kommt Peak Oil wirklich?

Offshore-Ölplattform im Südchinesischen Meer als Symbol der globalen IEA Öl-Nach

Die IEA selbst hat ihre Position zu Peak Oil bemerkenswert revidiert. Im World Energy Outlook 2024 — dem Referenzdokument der globalen Energiepolitik — verschob die Agentur den Nachfragegipfel im Stated Policies Scenario (STEPS) auf circa 2030 bei etwa 102 Millionen Barrel pro Tag 5. Doch das STEPS-Szenario setzt voraus, dass alle angekündigten Politikmaßnahmen vollständig umgesetzt werden — eine Annahme, die historisch in weniger als der Hälfte der Fälle zutrifft.

Im selben WEO zeigt die IEA auch, was unter den aktuell geltenden Politikmaßnahmen — also ohne zusätzliche, noch nicht beschlossene Regulierung — geschehen dürfte: Die Nachfrage steigt über 2030 hinaus weiter an, getrieben von Petrochemie und Luftfahrt in Nicht-OECD-Staaten 5. Das ist keine Randnotiz. Es ist die institutionelle Anerkennung, dass Peak Oil unter realistischen Politikannahmen deutlich weiter entfernt liegt, als die Schlagzeilen suggerieren.

Der Widerspruch zwischen dem kurzfristigen Narrativ der Energiewende und den langfristigen Nachfragedaten erzeugt eine Bewertungsanomalie, die Investoren nutzen können.

Bewertungsanomalie: Energiesektor vs. Kapitalflüsse

Offshore-Ölplattform im Südchinesischen Meer als Symbol der globalen IEA Öl-Nach

Die Sektorbewertung der großen Ölkonzerne reflektiert noch immer das Peak-Oil-Narrativ von 2021 — nicht die Datenlage von 2025. Shell (SHEL) handelt aktuell zum Forward-KGV von rund 8x, TotalEnergies (TTE) bei 7,5x, und ExxonMobil (XOM) bei circa 13x — allesamt deutlich unter dem S&P 500-Durchschnitt von 21x 7.

Die Dividendenrenditen liegen zwischen 3,5 und 5,5 Prozent, die Free-Cashflow-Yields bei 8 bis 12 Prozent. TotalEnergies hat seine Quartalsdividende fur 2025 auf 0,85 Euro pro Aktie erhoht — ein Plus von 7,6 Prozent gegenuber 2024 7. ExxonMobil schuttet seit uber 40 Jahren ununterbrochen Dividenden aus und hat diese in 40 der letzten 42 Jahre erhoht.

Gleichzeitig fliesst institutionelles Kapital zuruck in den Sektor. Die acht grossten borsennotierten Olkonzerne — Shell, BP, TotalEnergies, Eni, Equinor, ExxonMobil, Chevron und ConocoPhillips — erwirtschafteten im dritten Quartal 2025 zusammen 27 Milliarden Dollar Gewinn 8. Nicht Umsatz. Gewinn.

Was der Markt einpreist, ist ein struktureller Nachfragerückgang, den die Daten bislang nicht zeigen. Was die Bilanzen zeigen, sind Konzerne, die bei einem Ölpreis von 70 Dollar profitabel arbeiten und bei 80 Dollar erhebliche Überrenditen generieren.

Risikofaktoren: Was gegen die These spricht

Die Gegenargumente sind bekannt und verdienen Einordnung:

Chinas EV-Revolution ist real. Über 40 Prozent der Neuwagenverkäufe in China sind elektrisch, und der Benzinverbrauch des Landes ist 2024 erstmals gesunken. Doch Chinas steigende petrochemische Nachfrage kompensiert den Rückgang im Transport nahezu vollständig 5.

Regulatorischer Druck auf fossile Brennstoffe nimmt in der EU und Kalifornien zu. Doch global entfallen über 80 Prozent des Nachfragewachstums auf Länder, die keine verbindlichen Dekarbonisierungsziele für den Ölsektor haben.

Überangebot durch US-Schieferöl und potenzielle OPEC+-Produktionserhöhungen könnte die Preise drücken. Das wäre negativ für Margen, aber nicht für die Nachfrageseite — niedrigere Preise stimulieren tendenziell den Verbrauch.

Der nachste relevante Datenpunkt: Die IEA veroffentlicht ihren monatlichen Oil Market Report Mitte Marz 2026 — mit den ersten belastbaren Nachfragedaten fur das erste Quartal des Jahres.

Daten & Evidenz

Kennzahl Wert Quelle
Globale Ölnachfrage 2025 (IEA-Schätzung) 103,9 Mio. Barrel/Tag IEA OMR Dez. 2024
Nachfragewachstum 2024 +840.000 Barrel/Tag IEA
Nachfragewachstum 2025 (Prognose) +1,1 Mio. Barrel/Tag IEA
Indiens Nachfragewachstum 2024 +200.000 Barrel/Tag EIA
Indiens Nachfragewachstum bis 2030 +1 Mio. Barrel/Tag IEA
Petrochemie-Ölverbrauch (global) >14 Mio. Barrel/Tag IEA WEO 2024
Peak Oil im STEPS-Szenario ~2030 bei 102 Mio. b/d IEA WEO 2024
Shell Forward-KGV ~8x Yahoo Finance
TotalEnergies Dividendenrendite ~4,3 % Investing.com
Quartalsgewinn Top-8-Ölkonzerne (Q3/2025) 27 Mrd. USD Offshore Energy

Häufig gestellte Fragen

Warum hat die IEA ihre Ölnachfrage-Prognose viermal nach oben korrigiert?
Die wiederholten Aufwärtskorrekturen reflektieren stärker als erwartetes Wirtschaftswachstum in Indien und Südostasien, resiliente Petrochemie-Nachfrage in China und eine schnellere Erholung des globalen Flugverkehrs. Die IEA-Modelle unterschätzten systematisch die Nachfrageelastizität im Globalen Süden.

Bedeutet die steigende Nachfrage, dass Peak Oil nicht kommt?
Nicht zwingend. Die IEA prognostiziert im STEPS-Szenario weiterhin einen Gipfel um 2030 — setzt aber voraus, dass alle angekündigten Politikmaßnahmen umgesetzt werden. Unter den aktuell geltenden Maßnahmen steigt die Nachfrage bis 2050 weiter.

Sind Ölaktien noch günstig bewertet?
Relativ zum Gesamtmarkt ja. Shell, TotalEnergies und ExxonMobil handeln zu Forward-KGVs von 7,5x bis 13x — deutlich unter dem S&P 500-Durchschnitt von 21x. Die Free-Cashflow-Yields von 8–12 % liegen über dem Sektordurchschnitt der letzten 20 Jahre.

Kernaussagen

  • Die IEA hat die globale Ölnachfrage-Prognose für 2024 mehrfach nach oben korrigiert — für 2025 erwartet sie 103,9 Millionen Barrel pro Tag bei beschleunigtem Wachstum.
  • Indien hat China als größter Treiber des Ölnachfragewachstums abgelöst — strukturelle Faktoren wie Urbanisierung und niedrige Motorisierungsrate sprechen für anhaltende Steigerung.
  • Petrochemie und Luftfahrt — nicht der Straßenverkehr — sind die eigentlichen Wachstumsfelder, die Peak Oil verschieben.
  • Die Bewertung des Energiesektors spiegelt noch immer das Peak-Oil-Narrativ von 2021 wider — nicht die aktuelle Datenlage der IEA.

Quellen


  1. IEA, „Oil Market Report — December 2025″, Dezember 2025. https://www.iea.org/reports/oil-market-report-december-2025 

  2. Institute for Energy Research, „IEA Raises Its Oil Demand Forecast for 2024 — for the Fourth Time”, 2024. https://www.instituteforenergyresearch.org/fossil-fuels/iea-raises-its-oil-demand-forecast-for-2024-for-the-fourth-time/ 

  3. U.S. Energy Information Administration, „India to surpass China as the top source of global oil consumption growth in 2024 and 2025″, November 2024. https://www.eia.gov/todayinenergy/detail.php?id=64084 

  4. IEA, „Executive summary — India Oil Market Report”, 2025. https://www.iea.org/reports/india-oil-market-report/executive-summary 

  5. IEA, „World Energy Outlook 2024 — Executive Summary”, Oktober 2024. https://www.iea.org/reports/world-energy-outlook-2024/executive-summary 

  6. S&P Global, „IEA sees global oil demand rising until 2050 under current policies”, November 2025. https://www.spglobal.com/energy/en/news-research/latest-news/refined-products/111225-iea-sees-global-oil-demand-rising-until-2050-under-current-policies 

  7. Investing.com, „TotalEnergies SE — Dividend History”, 2025. https://www.investing.com/equities/total-dividends 

  8. Offshore Energy, „$27 billion fills Shell, BP, TotalEnergies, Eni, Equinor, ExxonMobil, Chevron, and ConocoPhillips’ quarterly profit coffers”, Q3 2025. https://www.offshore-energy.biz/27-billion-fills-shell-bp-totalenergies-eni-equinor-exxonmobil-chevron-and-conocophillips-quarterly-profit-coffers/ 

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